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Bildungspolitik, Lernen

Wie können Schulen Demokratiefähigkeit fördern?

cyberscooty-kids-smiling-800pxWalter Böhme auf seinem Blog eine wichtige Frage aufgeworfen und es hat leider eine Weile gedauert, aber jetzt komme ich endlich dazu, ein paar Gedanken zur Debatte beizusteuern.

Dabei möchte ich zwei Punkte herausgreifen, die aus meiner Sicht besonders wichtig sind:

  • Demokratie leben und
  • gemeinsam lernen

Demokratie darf in der Schule nicht nur Lerngegenstand im Politikunterricht sein. Auch das ist natürlich wichtig, aber allein nicht ausreichend. Schule muss gelebte Demokratie sein – mit echten Entscheidungen für alle Beteiligten und nicht nur alibihaften Formen von Mitbestimmung.

Demokratie in der Schule darf auch nicht ein einmalige Wahl von Klassensprechern pro Jahr reduziert werden, sondern meint auch das gegenseitige Respektieren und die gemeinsame Lösungsfindung in allen Klassen- und Schulangelegenheiten. Innerhalb von Klassen hat sich dafür der Klassenrat als gute Form erwiesen. Jede Schülerin und jeder Schüler kann hier erfahren, dass die eigene Stimme zählt. Der respektvolle Umgang mit anderen Interessen und Meinungen wie auch das Argumentieren, Konfliktlösung und Aushandeln von Kompromissen kann über Jahre im Klassenrat von Schülerinnen und Schülern erlernt und je nach Alter und Erfahrung zunehmend autonom geregelt werden.

Dies sind für die Demokratiefähigkeit zentrale Kompetenzen und die Schule ist der Ort diese zu einzuüben. Dies betrifft nicht nur schulorganisatorische Fragen, sondern auch die Ebene des Unterrichts. Freiheit und der verantwortliche Umgang mit ihr müssen gelernt werden. Ein Unterricht, der alles vorgibt, der von der Lehrkraft „orchestriert“ wird, leitet nicht zur Demokratiefähigkeit an, sondern folgt letztlich autoritären Strukturen.

Ich hatte das Glück in letzten Wochen zwei Schulen besuchen zu dürfen, die sich beide unabhängig voneinander vor rund 15 Jahren auf den Weg gemacht haben, Schule anders zu denken und zu gestalten. In beiden Schule habe ich jeweils in einem halben Tag mit vielen guten Gesprächen – sowohl mit der Schulleitung wie auch mit Lernenden und Lehrenden – einen kurzen, aber beeindruckenden Einblick erhalten.

Auch wenn beides unterschiedliche Schultypen mit einer anderen Schülerschaft, in einem anderen Umfeld, anderen Rahmenbedingungen und unterschiedlichen Entwicklungswegen und Konzepten sind, gibt es zentrale Gemeinsamkeiten. Was beide Schulen jeweils auf ihre Weise umgesetzt haben – und da kann man viel drüber lesen, beeindruckend ist es die gelebte Praxis tatsächlich zu sehen –  den Lernenden mehr Freiheit und damit auch mehr Verantwortung zu übertragen und sie dabei aber natürlich individuell und altersangemessen zu unterstützen und zu fördern. Die Lernenden entscheiden – je nach Schule in mehr oder minder großem Umfang – wann sie lernen, wo sie lernen, wie sie lernen, mit wem sie lernen und was sie lernen. Diese gegenüber der tradierten Schulen veränderte Organisation der Lernprozesse schafft Raum für Bildungsprozesse, die das fachliche Lernen überschreiten, in denen Lernende wie Lehrende als Menschen mit unterschiedlichen Talenten und Fähigkeiten Wertschätzung erfahren und die sowohl Selbstständigkeit wie auch Verantwortungsbewusstsein fördern.

Walter hat darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, im digitalen Zeitalter in der Lage zu sein, persönliche Lernumgebungen und -netzwerke aufbauen zu können. Im Sinne lebenslangen, personalisierten Lernens ist das unabdingbar. Über den Grad der Öffnung und Geschlossenheit des eigenen Netzwerks entscheidet jeder selbst. Denkbar sind auch parallele Netzwerke, ohne oder mit wenig Überschneidungen. In der Regel dürfte die Mehrzahl der Netzwerke – weil selbst gewählt – jedoch immer vor allem Filterblasen und Echokammern sein, die eine gesellschaftliche Segmentierung verstärken. Im Hinblick auf das eigene Lernen ist das nicht grundsätzlich verkehrt: Ich entscheide verantwortlich und autonom, von wem und mit wem ich lerne, Gedanken austausche, diskutiere und gemeinsam Projekte initiiere. Die Möglichkeiten für das Lernen sind fantastisch.

Gesellschaftlich werden seit dem politischen Aufstieg des Rechtspopulismus besonders die Gefahren der Segmentierung politischer und gesellschaftlicher Debatten diskutiert. Wenn ich das richtig verstanden habe, ist das auch der Ausgangspunkt von Walters Blogbeitrag. Aus meiner Sicht wächst dadurch die gesellschaftliche Bedeutung von Schule. Im Idealfall lernen alle Kinder und Jugendlichen möglichst lange gemeinsam in einer Schule. Denn die Schule ist der einzige Ort, wo Kinder und Jugendliche – und übrigens damit auch ihre Eltern – aus der gesamten Gesellschaft zusammenkommen.

In der Schule bekommt jeder einen Blick über den begrenzten Tellerrand der sozialen Stellung der eigenen Familie, seiner Staatszugehörigkeit und religiöser Orientierung. Nach der Schule bilden sich Freundes- und Bekanntenkreise über dasselbe Studium, denselben Beruf, dieselben Interessen und sind damit oft vergleichsweise homogen.

In der Schule bringen alle ihre unterschiedlichen Herkünfte, Interessen, Vorstellungen usw. mit und die Schulgemeinschaft ist aufgefordert das gemeinsame Leben und Lernen zu ermöglichen, in Konfliktfällen friedliche Lösungen aufzuzeigen. Hier werden grundlegende Erfahrungen gemacht, die Persönlichkeiten, Meinungen und Gesellschaftsbilder formen. Deshalb ist es so wichtig, wie Schule und Unterricht organisiert sind.

Deshalb ist es aber auch wichtig, keine weitere Segregation des Schulwesens zuzulassen. Schule verleiht nicht nur Abschlüsse und ist nicht nur dazu da, Fachwissen und -kompetenzen zu vermitteln, sondern hat auch eine gewichtige Funktion für den inneren Zusammenhalt einer Gesellschaft: Sie ermöglicht das Kennen- und Respektierenlernen der anderen, das Erlernen einer demokratischen Diskussionskultur, von unterschiedlichen Konfliktlösungsstrategien, von Kompromissfähigkeit, und damit letztlich von Demokratiefähigkeit.

Es wird schließlich niemanden wundern, dass ich gerade in einem Land, in dem Bildungserfolg so stark an das Elternhaus gekoppelt ist, wie in Deutschland, einem vielgliedrigen Schulsytem mit Segregation einzelner Gruppen und unabhängig von der technischen Entwicklung insbesondere auch Forderungen nach „Home-Schooling“ überaus kritisch gegenüberstehe, da sie eine weitere Segmentierung der Gesellschaft fördern. Schule sollte nach meiner Vorstellung die Gesellschaft abbilden und demokratische Gestaltungsmöglichkeiten dieser Gesellschaft im überschaubaren Rahmen der Schulgemeinschaft erfahrbar machen. Nur eine Schule für alle ist eine das demokratische Zusammenleben fördernde Schule.

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Diskussionen

Ein Gedanke zu “Wie können Schulen Demokratiefähigkeit fördern?

  1. Ich stimme durchaus zu. Für wichtig halte ich freilich, dass man die Selbstanforderungen an demokratischen Umgang in der Klasse nicht zu hoch hängt und deshalb gar nicht erst anfängt, etwas zu verändern, weil man sich nicht zutraut, den notwendigen Standard zu erreichen. Jeder Schritt in Richtung mehr Mitsprache und Mitentscheidung der Schüler hilft.

    Für wie wichtig ich die Klasse als Ort der Demokratieeinübung halte, kommt auch in meinem Blogartikel zu Fake News und Filterblasen zum Ausdruck (http://fontanefansschnipsel.blogspot.de/2017/02/fake-news-und-filterblasen.html).

    Gefällt mir

    Verfasst von Fontanefan | 5. Februar 2017, 14:59

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