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Bildungspolitik, Schulsystem

Die Frage des Übergangs ist auch eine Frage des Umgangs

„Da müssen wir mal mit den Realschulen reden.“ So oder so ähnlich haben es sicher schon viele Gymnasiallehrerinnen und -lehrer gehört, wenn es um den Übergang von den Realschülerinnen und -schülern inSchoolCrossing-1-800px die Oberstufe des Gymnasiums ging. Realschüler kommen mit ordentlichen und guten Zeugnissen in die Oberstufe des Gymnasiums. Für den Übergang gibt es rechtliche Vorgaben. Grundsätzlich heißt es zum Beispiel im rheinland-pfälzischen Schulgesetz § 9.4:

„Die Schulstufen gliedern das Schulwesen nach Altersstufen; sie können eine oder mehrere Schularten umfassen. Sie sichern die gemeinsame Grundbildung und die Abstimmung der Bildungsangebote der Schularten sowie ihrer Abschlüsse und ermöglichen die Durchlässigkeit zwischen den Schularten.“

In der Praxis sieht diese Durchlässigkeit nicht immer so aus, wie sie beim Lesen im Schulgesetz klingt. Viele Realschüler, die die formalen (Noten-) Vorgaben bzw. Aufnahmeprüfung erfolgreich absolvieren, haben nichtsdestotrotz Probleme in der gymnasialen Oberstufe Fuß zu fassen.

Dabei ist es ein mutiger Schritt, zur Oberstufe nicht nur in einer andere Schule, sondern zudem noch an eine andere Schulart zu wechseln. Die Probleme dabei sind vielfältig:

„Nachteilig bei einer 6-jährige[n] Gemeinschaftsschule ist der künftige Schulwechsel in eine gymnasiale Oberstufe, das bedeutet eine neue Schule, andere Mitschülern und fremde Lehrkräfte. Weil inzwischen die meisten Eltern und Jugendlichen das Abitur anstreben, hemmt diese Perspektive den Besuch einer 6-jährige Gemeinschaftsschule. […]

Beim Übergang in die Oberstufe einer grundständigen Schule kommen die Übergänger mit Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern zusammen, die schon aufeinander eingespielt sind, was ihre Akzeptanz und Integration erschwert. Aus regionalen Gründen ist eine andere Lösung aber häufig schwierig. […]

Da viele Gymnasien in der Gemeinschaftsschule nicht einen Partner, sondern eher einen Rivalen sehen, bestehen nicht selten auch Vorbehalte gegenüber Gemeinschaftsschülern, was deren Schulerfolg beeinträchtigen kann.“ (J. Lohmann, S. 10f.)

Die Abbrecherquoten sind an Gymnasien wie an Gesamtschulen relativ hoch. Für viele ist das nur ein Problem der Schüler selbst, die ja „freiwillig“ in die Oberstufe gehen, bzw. der Realschulen, die vermeintlich die Schüler nicht ausreichend vorbereiten und zu gute Noten geben. Dass das Abitur zunehmend angestrebt wird, hat nun auch wesentlich damit zu tun, dass die Anforderungen an die formalen Bildungsabschlüsse in vielen Berufen deutlich gestiegen sind.

Es könnte also sein, dass es ein Problem ist, dem sich auch das Gymnasium ernsthaft annehmen sollte. Die gymnasiale Oberstufe ist nämlich eigentlich unter Druck. Da sind zum einen spannende Projekte, die Oberstufe ganz neu denken und gestalten, zum anderen ist die gymnasiale Oberstufe durch den Ausbau von Gesamtschulen, Wirtschaftsgymnasien und anderen Wegen zum Abitur weit weniger attraktiv geworden.

Daher stellen die Gymnasien einerseits bereits jetzt fest, dass sie auch aufgrund des schwierigen Übergangs bereits höhere Anmeldezahlen „schwächerer“ Schülern in der 5. Klasse haben, und sie müssen sich andererseits darauf einstellen, weniger Schüler von außerhalb in die Oberstufe aufzunehmen – es sei denn, sie beginnen sich ernsthaft, um diese neuen Schüler zu bemühen. Daran haben sie durchaus ein Interesse. Weniger Schüler bedeutet nämlich: kleinere Auswahl von Profilen und Fächern, dauerhafter Wegfall kleinerer Fächer im Leistungskursbereich (wie z.B. Französisch oder Physik) und unter Umständen paradoxerweise auch größere Klassen und Kurse.

Nun ist es nicht so, dass Gymnasien gar nichts täten. Wenige stehen in regem Austausch mit Realschulen, das scheinen die Ausnahmen, viele bieten Orientierungs-, Kennenlern- und Methodentage zu Beginn der Oberstufe an. Das ist gut, aber, sofern ich das überblicke, für einen Großteil der Schülerinnen und Schüler nicht ausreichend. Das betrifft im übrigen nicht nur einen Teil der Schulwechsler. Auch auf dem Gymnasium werden Schülerinnen und Schüler in die Oberstufe versetzt, die nicht die notwendigen methodischen und fachlichen Voraussetzungen mitbringen.

Lohmann plädiert daher in einem aktuellen Beitrag für selbstständige Oberstufenzentren, so ähnlich wie sie z.B. in Frankreich in Form der Lycées als Sek II-Schulen bestehen:

„Eine gymnasiale Oberstufe für mehrere Gemeinschaftsschulen hat die Chance, mehr Kern- und Leistungsfächer bzw. mehr Profile anzubieten. […]

Die überzeugendste Lösung ist, wenn die gemeinsame Oberstufe für alle Schülerinnen und Schüler neu beginnt, wenn also die gymnasiale Oberstufe ein Oberstufenzentrum ist. Dann ist es für alle Schülerinnen und Schüler und alle Lehrkräfte ein Neustart.“ (S. 11f.)

Solche Schulstrukturformen sind immer dicke Bretter, die keine Hilfe für die Schülerinnen und Schüler bieten, die aktuell und in den nächsten Jahren den Schritt auf das Gymnasium wagen. Ein guter Ansatz ist sicher das „Abitur im eigenen Takt„, aber auch dessen Einführung macht umfangreiche Umstellungen notwendig, die dies eher zu einer mittel- bis langfristigen Perspektive machen – auch wenn es bereits im Bildungsprogramm der SPD von 1969 (!) als Forderung für die neue Oberstufe formuliert wurde (vgl. S. 53).

In einer Diskussion vor einigen Tagen kam die Idee von vorbereitenden Kursen für die Oberstufen in den Sommerferien auf – gerade auch mit Verweis auf die Menge des Geldes im „System“, wenn man die private Nachhilfeindustrie mitberücksichtigt. Das halte ich aus verschiedenen Gründen für schwierig und nicht durchführbar.1398296819-800px

Ein anderer aus der Diskussion entstandener Gedanke scheint mir, vorausgesetzt die Gymnasien begreifen die Integration und den schulischen Erfolg der Übergänger als ihre Aufgabe, überdenkenswert.

Was spräche dagegen, im ersten Halbjahr ein- oder zweistündige „Aufbaukurse“ zumindest in den durchgängig zu belegenden Pflichtfächern wie Mathe, Deutsch und Englisch anzubieten? Das wäre ein sehr pragmatischer Ansatz. Er ist schnell umsetzbar. Es sind keine Ausnahmegenehmigungen oder Pilotprojekte notwendig, jedes reguläre Gymnasium müsste durch Umschichtung bzw. Neustrukturierung der Lehrerstunden eigentlich in der Lage sein, solche Aufbaukurse anzubieten.

Mich würde interessieren, ob es solche Angebote an Gymnasien oder Gesamtschulen bereits gibt, oder welche anderen Unterstützungs- und Integrationsansätze erfolgreich erprobt wurden.

 

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