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Diskussion, OER

OER Schnell-Checkliste

Nach den Überlegungen zum OER Bewertungsraster für Lernende sowie zum Verhältnis von Schülerinnen und Schülern zu OER möchte ich zum Jahresende noch einmal die Lehrkräfte in den Blick nehmen, die als Zielgruppe für Auswahl und Einsatz von OER offensichtlich zunächst relevanter scheinen.

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In der deutschen Debatte lässt sich eine gewisse Fokussierung auf die „Qualität“ von OER – statt auf Angebot und Anwendung – beobachten und die Frage nach einer vermeintlich notwendigen „Qualitätssicherung“ wird auch leider oft als Argument gegen OER angeführt. Meine Ausgangsfrage war daher: Wie können Lehrkräfte schnell erkennen, ob angebotene freie und offene Materialien für ihren Unterricht und ihre Lerngruppe verwendbar sind oder nicht?

Dazu habe ich eine Liste mit zehn Kriterien erstellt, die als Fragen formuliert einfach mit „ja“ oder „nein“ beantwortet werden können. Damit wird noch keine richtige Bewertung der Qualität der Materialien vorgenommen. Eine solche Checkliste kann nur eine schnelle Orientierung mit Hinweisen auf ihre Zuverlässigkeit und Verwendbarkeit geben. Dabei müssen nicht immer alle Kriterien erfüllt sein. Es gilt: Je mehr Punkte zutreffen, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um eine qualitativ gute Ressource handelt.

Ausgehend von der Kritik am oben genannten Bewertungsraster ist es meines Erachtens hilfreich für eine Einschätzung von OER aufgrund der kollaborativen Möglichkeiten sowie der Erstellung von guten Lernmaterialien durch Lernenden den Blick weg vom einzelnen Autor hin zum Veröffentlichungskontext der Ressource (Anbieter, Art des Portals etc.) sowie zu formalen Merkmalen, die Hinweise auf die Sorgfalt der Erstellung geben, zu richten. Auch die Möglichkeiten der Bewertung durch andere Nutzer und die Vernetzung und Einbettung der Ressource in andere Kontexte spielen dabei eine Rolle, die bei bisherigen analogen Materialien in dieser Form nicht vorhanden waren.

Im Hinblick auf die inhaltliche Korrektheit – oft als wesentliches Merkmal von Qualität angeführt – scheint mir das Kriterium der Veränderlichkeit des Materials entscheidend. OER unterscheiden sich von bisherigen Lehr- und Lernmaterialien unter anderen wesentlich dadurch, dass sie keine fertigen, abgeschlossenen Produkte bieten, sondern dass auch aus weniger gelungenen Vorlagen durch Weiterentwicklung qualitativ gute Ressourcen entstehen können. Nur wenn Materialien auch verändert werden können,  handelt es sich ja um OER, und das schließt u.a. auch kostenlos angebotene Materialien von Lobbyisten aus. So können gut ausgewählte und aufbereitete Materialien trotzdem hilfreich sein und genutzt werden, weil ggf. vorhandene Fehler selbst korrigiert werden können – durch die Lehrkraft oder die Lernenden. Entscheidend ist nicht das Kontrolle des Angebots, sondern die Art der Nutzung.

Die Checkliste ist ein erster Entwurf, der hier als ODT oder PDF runterladbar ist. Ich freue mich über konstruktive Rückmeldungen und Diskussion des Vorschlags, die hoffentlich zu einer Weiterentwicklung hin zu einer alltagstauglichen Vorlage führen, die Lehrkräfte bei der Suche und Auswahl von OER unterstützt.OER Schnell Checkliste

 

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Diskussionen

6 Gedanken zu “OER Schnell-Checkliste

  1. Sehr gute Überlegungen, auch die Checkpunkte finde ich nachvollziehbar und aussagekräftig. Vielen Dank!

    Gefällt 1 Person

    Verfasst von retemirabile | 21. Dezember 2015, 20:41
  2. Hmm. Ich frage mich, ob und wie die Fragen helfen, z.B. einen Lernpfad von Mathematik-digital.de, der im ZUM-Wiki liegt, sinnvoll zu bewerten …

    Aber zuerst allgemein:
    – Den Ansatz finde ich gut: Selten wird ein Kriterium alleine den Ausschlag geben.

    Zu einzelnen Aspekten:
    – Etliche der Kriterien gelten nicht nur für OER. (Das nur als Anmerkung.)

    Zu einzelnen Kriterien:
    1. Ist allgemeine Bekanntheit tatsächlich ein wesentliches Kriterien? – Hiernach ist alles in der Wikipedia gut, aber in einem kleinen Speziallexikon dagegen nicht. Inhaltlich könnte es genau anders herum sein.
    2. Ist die ZUM eine „Bildungsinstitution“?
    4. Würde ich auf zwei Punkte aufteilen: a) Lizenz ersichtlich; b) Veränderbarkeit
    9. Wie lässt sich dies jeweils schnell erschließen?
    10. Diese Frage gilt für jedes Material, ist aber keineswegs OER-spezifisch, oder? – Und sagt das etwas über die Qualität des Materials im Allgemeinen aus? – Eigentlich sagt dies doch nur: Ich kann dieses Material für meine Zwecke brauchen … Für Andere kann etwas ganz Anderes gelten, oder?

    Wie gesagt: Die Grundidee finde ich gut. Im Detail lässt sich vielleicht noch Einiges nachbessern 😉

    Besten Gruß
    Karl

    Gefällt 2 Personen

    Verfasst von karlkirst | 21. Dezember 2015, 23:25
  3. Deine Liste beschäftigt mich heute immer wieder. Eine durchaus gute, sinnvolle Idee. Nach mehreren Versuchen, einen Kommentar zu formulieren, stelle ich mir nun, mit einer Schulkonferenz „in den Knochen“ die (philosophische) Frage, ob ein professionell handelnder Lehrer nicht ohnehin in der Lage sein sollte, qualitativ gutes Material als solches zu erkennen? Muss ich den „Umweg“ beschreiten, mich (wohlmöglich) von der Bekanntheit eines Portals oder einer häufigen Verlinkung leiten zu lassen? Für mich wären es wohl eher Bewertungsschemata, Kommentare und Rezensionen, die mir Denkanstösse zur Einschätzung der Qualität geben.

    Gefällt 2 Personen

    Verfasst von Florian Emrich | 21. Dezember 2015, 23:51
  4. Vielen Dank für eure Kommentare. Ich find das super, weil der Post war ja so gedacht, das mal zu diskutieren und nicht eine perfekte Vorlage zu liefern. Zu euren Rückmeldungen ein paar spontane Gedanken:

    @Karl: In wie weit muss oder kann so ein Kriterienkatalog OER-spezifisch sein? Oder gelten nicht – bis auf wenige Ausnahmen dieselben Kriterien wie für Lehr- und Lernmaterialien sonst auch? Der Kommentar von Florian weist auch in diese Richtung…

    Aber ja, die ZUM als Verein ist für mich eine Bildungsinstitution. Wäre sie dieses Jahr gegründet, hätte sie eine weniger große Reputation. Von außen lässt sich diese durch die Bekanntheit und Größe des Portals sowie die Verlinkungen auf die Seiten ablesen. Es ist eine Top-Adresse für OER: Wie lässt sich das aber für jemanden einschätzen, wenn ich zum ersten Mal von der ZUM höre?

    @Florian: Das habe ich so tatsächlich bisher auch gesehen, nehme aber gleichzeitig, dass das einerseits den Lehrkräften offenkundig nicht durchgängig zugetraut wird (siehe Forderungen, z.B. auch in der Gew, die Qualität der Materialien zu kontrollieren) und dass andererseits von Lehrkräften Material – nicht nur Schulbücher – gekauft wird mit der expliziten Begründung: Hier weiß ich, das Material ist redaktionell geprüft, fachlich korrekt und für die spezielle Klassenstufe gut aufbereitet, es spart mir also Zeit und Arbeit bei der Unterrichtsvorbereitung (keine zeitintensive Suche, Vorauswahl und Zusammenstellung geeigneter Materialien und Aufgaben zu einem Thema und im Idealfall keine weitere Bearbeitung notwendig).

    Gerade der erste Teil der Argumentation deutet darauf hin, dass einige Lehrkräfte sich selbst doch nicht so recht zu trauen oder die Prüfung zumindest als vermeidbare Mehrarbeit auch gerne vermeiden.

    Vielleicht spiegelt sich im Entwurf der Checkliste auch noch der ursprünglich Gedanke, so etwas für Lernende zu entwickeln, vielleicht auch als Orientierung für Lehrkräfte, die fachfremd oder nur vertretungsweise unterrichten, vielleicht ist die Liste auch einfach ein lautes Nachdenken und Anlass zum Austausch darüber, was Qualitätskriterien von OER ausmacht und ob die sich für OER von bisherigen analogen Materialien unterscheiden…

    Gefällt 1 Person

    Verfasst von Daniel Bernsen | 22. Dezember 2015, 0:07
  5. Danke für den interessanten Beitrag!
    Ich bin unentschieden – inwieweit trennen wir OER-spezifische Kriterien und allgemeingültige Kriterien. Für „OER-Fortgeschrittene“ wie Dich, Karl oder mich mag die Frage gar nicht so entscheidend sein. Aber inwieweit ist es für Menschen sinnvoll, die das Konzept OER erst kennenlernen?
    Umgekehrt gefragt: Wie sähe eine Liste aus, die A. einen Abschnitt „allgemeingültige Kriterien für Lehr-Lern-Materialien“ und B. einen Abschnitt „spezifisch für OER relevante Kriterien“ beinhaltet?
    Mein erster Verdacht wäre: In Abschnitt B ginge es gar nicht um die Qualität des Materials.

    Gefällt 1 Person

    Verfasst von Jöran | 23. Dezember 2015, 1:41
    • Vermutlich liegst du mit deiner Vermutung richtig. Es geht ja um Lehr- bzw. Lernmaterialien, die sich durch ihre Lizensierung voneinander unterscheiden. Daher gibt es vielleicht auch keine rein „oer-spezifischen“ Qualitätskriterien gibt, sondern es eventuelle eher eine Verschiebung der Bedeutung einzelner Kriterien ist, die z.B. bei der Bewertung eines Schulbuchs auch relevant sind, aber eine eher untergeordnete Rolle spielen, für die Bewertung von OER jedoch eventuell eine höhere Relevanz besitzen (z.B. Name des Anbieters) und umgekehrt (z.B. fachliche Korrektheit -> durch Veränderbarkeit bei OER weniger ausschlaggebend als bei unveränderlichen Printprodukten).
      Die Checkliste oben könnte für „OER-Einsteiger“ insofern hilfreich sein (so war es zumindest gedacht), dass vor allem Punkt 4 hilft kostenlose (Lobby-) Materialien im Netz von OER zu unterscheiden. Eine Aufteilung der Frage in mindestens zwei Punkte, ein Ersetzen von „freie Lizenz“ durch eine möglichst Formulierung, die sich auch OER- und Lizenzfragen Unerfahrenen auf den ersten Blick erschließt, sowie ein Herausheben dieses Punkts durch eine Strukturierung der Liste wären dazu in einer Überarbeitung aber noch vorzunehmen.

      Z.B.
      OER ja / nein? (OER liegen vor, wenn drei folgenden Fragen mit „ja“ beantwortet, siehe dazu: http://open-educational-resources.de/unesco-definition-zu-oer-deutsch/)
      -> Kann das Material kostenfrei verwendet werden?
      -> Darf das Material kopiert und weitergegeben werden?
      -> Kann das Material verändert werden?

      Gefällt mir

      Verfasst von Daniel Bernsen | 7. Januar 2016, 3:07

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