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Bildung, Lernen, OER

Ein Blick auf OER aus Schülersicht

Nach den vorangehenden Überlegungen zu einer Bewertungsmatrix von OER aus Sicht der Lernenden stellte sich die Frage, wie sehen Lernende denn überhaupt OER. Konkret in meinem Berufsalltag:

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Kennen Schülerinnen und Schüler, im besonderen Fall sogar einer UNESCO Projektschule, OER überhaupt, nutzen sie bestehende Angebote bereits oder sehen einen Sinn in OER für ihr zukünftiges Lernen? Sollte das nicht der Fall sein, wie sinnvoll ist dann die Ausarbeitung einer solchen Matrix?

Die Diskussion um OER hat in Deutschland verspätet, aber dann vergleichsweise schnell eine große (Eigen-) Dynamik gewonnen, aber welche Relevanz haben OER überhaupt für eine der wesentlichen Zielgruppen, nämlich Schülerinnen und Schüler?

Um es kurz zu machen, für alle, die nicht so viel lesen wollen: OER haben für Schülerinnen und Schüler keine Relevanz, und – das fand ich dann durchaus überraschend – sie sehen auch kaum Potential für die Zukunft.

Natürlich sind das keine repräsentativ belastbaren Daten. Besprochen habe ich das Thema mit zwei unterschiedlichen Lerngruppen, einer in der Mittel- und einer in der Oberstufe. Die Schülerinnen und Schüler beider Gruppen sind natürlich heterogen in Bezug auf ihre Vorerfahrung und Nutzung digitaler Medien, insgesamt würde ich beide Gruppen als gut informiert beschreiben, jeweils mit vergleichsweise vielen Lernenden, die aus schulischen (Unterricht, Projekttage) oder privaten (Videoarbeit, Fotos, Twitter, Blogs) Zusammenhängen wissen, was Creative Commons sind und im Internet eigene Produkte veröffentlicht haben.

Open Content und OER gehen bei den Antworten etwas durcheinander. Sie geben dennoch einen guten Einblick in das Verständnis der Schülerinnen und Schüler. Die Rückmeldungen waren vergleichsweise einheitlich und ich konnte keine Unterschiede zwischen den Antworten der jüngeren und älteren Lernenden ausmachen. Die Ergebnisse im Einzelnen:

  • Trotz der genannten Vorbedingungen: OER kannte (fast) niemand.
  • Die Frage nach Urheberrecht oder frein Lizenzen wird durchweg als irrelevant für das eigene Lernen beurteilt, egal ob es um Referate, Ausarbeitungen oder andere Formen geht. Schule wird als privater Raum definiert, auf PowerPoint-Folie reiche da eine Quellenangabe, Wasserzeichen könne man gegebenenfalls entfernen.
  • Das Urheberrecht spielt keine Rolle, oft würden auch nicht mal Quellenangaben eingefordert. Das zu nehmen, was man schnell finde, sei bequem und habe keinerlei Konsequenzen.
  • Folglich spielt das Angebot von OER auch keine Rolle.
  • Nur einzelne sehen ansatzweise ein Potential von freien und offenen Lernmaterialien, da diese auf jeden Fall „legal und richtig“ seien. Deshalb könnten sie für das Lernen hilfreich sein.

Im Hinblick auf die eingangs erwähnte Matrix ist es vielleicht noch interessant einen Blick auf die Kriterien zu werfen, nach denen die Schülerinnen und Schüler die bei einer Recherche gefundenen Internetseiten und Materialien bewerten. Genannt werden:

  • Seriösität (festgemacht an Layout, Verfasser und inhaltlichem Fokus)
  • sprachliche Korrektheit
  • Kürze
  • Verständlichkeit (möglichst ohne viele Fachbegriffe)
  • Übersichtlichkeit (z.B. Gliederung durch Zwischenüberschriften und/oder Illustrationen)
  • „Quelle“ des Fundes (z.B. Suchmaschine) und Bekanntheit der Suchmaschine („Google“)

Die kurze Umfrage liefert ein sehr eindeutiges Ergebnis. Unter den etwas mehr als 50 Schülerinnen und Schüler war genau eine, die den Begriff OER schon einmal gehört hatte und erklären konnte, freie Materialien aus den oben genannten Gründen aber gleichfalls als irrelevant für schulisches Lernen und Arbeiten beurteilte.

Bietet dieser (nicht repräsentative) Einblick Anlass an der Relevanz von OER zu zweifeln oder gar die Debatte über OER als von der Realität losgelösten Hype im Wolkenkuckucksheim abzutun?

Ich denke nein. Die offenen und ehrlichen Antworten der Schülerinnen und Schüler geben meines Erachtens gute Hinweise darauf, warum OER bisher in Schule nicht angekommen ist. Die Fragen nach Lizenzen spielen für Lehrkräfte wie für Lernende kaum eine Rolle, solange sich Lernen nur im Klassenraum und Zuhause abspielt. Erst wenn Lehrkräfte wie auch Lernende auch zu Produzenten werden, die die Ergebnisse ihrer Lern- und Arbeitsprozesse veröffentlichen, mit anderen teilen und diskutieren wollen, wird die Frage nach der Lizensierung der verwendeten Materialien plötzlich virulent.

Die (zukünftige) Bedeutung von OER in Deutschland hängt also vermutlich sehr eng mit der Entwicklung der Lernkultur zusammen. Die Veränderung der Lernkultur unter den Bedingungen der Digitalisierung benötigt Open Content und Open Educational Resources. Diese sind allerdings nicht automatisch Katalysator, das zeigen die Antworten der Schülerinnen und Schüler, sondern in Bezug auf eine veränderte Lernkultur zugleich deren Voraussetzung wie Folge. Das eine ohne das andere zu denken erscheint mir daher gegenwärtig wenig sinnvoll.

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Diskussionen

2 Gedanken zu “Ein Blick auf OER aus Schülersicht

  1. Was S. wohl denken, wenn Wikipedia mal für ein Schuljahr abgestellt wird?!

    Gefällt mir

    Verfasst von pintman | 18. Dezember 2015, 20:02
  2. Bietet dieser (nicht repräsentative) Einblick Anlass an der Relevanz von OER zu zweifeln oder gar die Debatte über OER als von der Realität losgelösten Hype im Wolkenkuckucksheim abzutun?

    Ich denke auch nicht. Ein paar Gedanken dazu:

    Wie die Schülerinnen und Schüler es richtig beschreiben, ist die Schule bisher ein nicht-öffentlicher Raum. Die allemeisten Lernprodukte bleibt hinter verschlossenen Türen. Auch viele Kolleginnen und Kollegen gehen sehr lax mit dem Urheberrecht um, geben bei Materialien die Quellen nicht an etc. Insofern wundert es mich nicht, dass bei Schülerinnen und Schülern kein Bewusstsein für den Wert von OER vorhanden ist.
    Pintmans Aussage (Kommentar vor mir) trifft einen relevanten Punkt: Schülerinnen und Schüler ab der Mittelstufe nutzen OER zumindest in Form der Wikipedia wahrscheinlich regelmäßig, aber es ist ihnen nicht bewusst, dass das OER sind. Außerdem ist ihnen nicht bewusst, dass es so etwas nicht geben könnte bzw. dass es möglicherweise wieder verschwinden könnte. So lange sie denken können, gab es die Wikipedia und die meisten haben sich noch nie gefragt, warum es sie gibt und was dazu beiträgt, dass sie bestehen bleibt. Den jährlichen Spendenaufruf zum Erhalt der Wikipedia finden sie – wie alles, was zum Bezahlen im Internet auffordert – lästig und klicken ihn weg. Das ist meines Erachtens keine Bösartigkeit oder Billigheimerei, sondern schlicht die Unkenntnis der Zusammenhänge. Sie halten kostenlose Dinge im Internet für normal
    Wenn man mit Schülerinnen und Schülern so arbeitet, dass ihre Produkte öffentlich werden, muss man zwangsläufig das Urheberrecht und freie Materialien thematisieren. Meine Erfahrung ist, dass Schüler nach einer solchen Unterrichtseinheit durchaus einen Blick für freie Materialien und ihren Wert entwickeln. Allerdings muss ich sagen, dass ich den Begriff „OER“ dabei auch noch nicht erwähnt habe.

    Ich denke, dass OER als Begriff und Konzept noch lange ein Schattendasein unter Schülerinnen und Schülern führen wird, weil auch die meisten Kolleginnen und Kollegen ihn nicht kennen und er in ihrem Unterrichtsalltag bisher nicht relevant ist.

    Es bleibt zu hoffen, dass sich langsam eine Lernkultur entwickelt, in der kreative digitale Lernprodukte mehr und mehr auch öffentlich gemacht werden, so dass OER automatisch in den Fokus rücken. Daran kann man in kleinen Schritten arbeiten. Aber das ist eine Sache von Jahren – geschätzt etwa eines Jahrzehnts.

    Gefällt 1 Person

    Verfasst von retemirabilretemirabile | 20. Dezember 2015, 19:11

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