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Bildung, Erfahrungen, Lernen

Unterricht personalisieren – oder die Frage nach dem „Warum“

In einer Studie für die Bertelsmann-Stiftung hat Jöran Muuß-Merholz zehn Interviews mit Lehrerinnen und Lehrern geführt. Die Beispiele sollen aufzeigen, wie in der Schulpraxis individuelles Lernen mit Hilfe digitaler Medien möglich ist. Die Studie ist auch als PDF online verfügbar.

Die vorangestellte „Einleitung“ mit neun Thesen, die Jöran aus der Auswertung der Interviews generiert hat, ist lesenwert. Darüber hinaus ist mir bei der Lektüre noch ein weiterer Punkt aufgefallen: Die Praxisbeispiele von Monika Heusinger, Lisa Rosa, Felix Schaumburg, Mandy Schütze, Philippe Wampfler und mir weisen strukturelle Ähnlichkeiten im Aufbau der Lernarrangements auf. Dabei findet sich jeweils in ganz unterschiedlichen Fächern eine vergleichbare Abfolge von Schritten im Lernprozess:

  1. vorgegebenes Oberthema (z.B. durch den Lehrplan oder Anlass)cibo00-abstracted-group-interaction-1-800px
  2. Wahlmöglichkeit eines eigenen inhaltlichen Schwerpunkts
  3. selbstständige Materialrecherche & Erarbeitung
  4. Erstellen komplexer Lernprodukte
  5. Kommunikation über Lernprodukte

Mit Lisa Rosa würde ich auch durch die gegebenen Wahlmöglichkeiten tatsächlich in diesen Fällen auch eher von Personalisierung statt von Differenzierung oder Individualisierung sprechen. Die tabellarische Übersicht von Bray und McClaskey (PDF) macht die Unterschiede zwischen den drei Konzepten schön deutlich. Digitale Medien erweitern dabei wesentlich die Recherchemöglichkeiten und den Zugang zu Daten, Informationen und Materialien sowie die möglichen Lern- und Arbeitsprodukte. Damit ermöglichen digitale Medien letztendlich erst die Personalisierung, da nur über Zugang zum Web und entsprechende Tools Thema und Produkt frei gewählt werden können. Beide unterliegen sonst erheblichen Einschränkungen, u.a. durch die Begrenzungen von Stift, Buch und Papier. Überlegungen wie Personalisierung trotzdem im Regelunterricht ansatzweise auch ohne digitale Medien schnell umgesetzt werden kann, finden sich in einem neueren Beitrag auf meinem Blog zum Geschichtsunterricht.

Schon beim Interview und dann nochmal in Berlin beim LernLab Schule hat Jöran nachgefragt: Wie macht ihr das denn genau mit der „Individualisierung“? Was macht ihr in der Lernsituation konkret? Wie verhaltet ihr euch als „Lehrkraft“? Meine Antwort war beide Male: Das kann man so allgemein nicht sagen, das ist immer spontan, hängt von der Situation, von den einzelnen Lernenden und der Gruppe ab.

In den letzten beiden Wochen habe ich versucht, mir in der Schule selbst über die Schulter zu schauen, um die Frage besser beantworten zu können. An zwei Beispielen möchte ich kurz aufzeigen, wie meine Rolle als Lehrkraft an zwei unterschiedlichen Stellen im Lernprozess aussieht bzw. aussehen kann.

  1. Setzen eines eigenen Schwerpunkts:

Hierbei geht es darum eine eigene Frage zu einem Thema zu entwickeln oder einen Schwerpunkt zu setzen. Das fällt jüngeren wie älteren Schülerinnen und Schülern (zum Teil sehr) schwer, wenn sie gewohnt sind, dass in der Schule die im Schulbuch und Unterricht aufgegriffenen Inhalte relevant sind und diese Setzung in der Regel von außen erfolgt („Stoffauswahl“, „didaktische Reduktion“ etc.). Neben der klaren Ansage, dass es nun um eine eigene Setzung bzw. um einen eigenen Zugang geht, sehe ich mich jeden einzelnden Lernenden in dieser Phase vor allem durch ebenso freundliches wie insistierendes Nachfragen nerven: Warum? Warum hast du das gewählt? Was interessiert dich daran? Warum scheint dir das Thema wichtig?

Es geht also nicht um Bevormundung, sondern um Denkanstöße, eine individuelle Begleitung des Themenfindungsprozesses. Das kostet Zeit, aber der Effekt ist groß. Auch jüngere Lernenden gelangen so – manchmal auch auf Umwegen – zu einem selbst gewählten Thema, dessen persönliche Bedeutung sie erklären können. Das ist zentral, denn es ist Voraussetzung für eine intensive Auseinandersetzung und trägt die nachfolgende Arbeit. Das Einfordern einer Begründung ist notwendig, weil viele Schülerinnen und Schüler, die mit dieser Wahlmöglichkeit innerhalb der Schule nicht vertraut sind, oft irgendein Thema vorschlagen, nur damit sie ein Thema haben und das schnell abarbeiten können – begründen können sie ein persönliches Interesse daran nicht.

Das Verfahren mag vielleicht seltsam klingen, aber aus meiner Erfahrung der letzten zehn Jahre funktioniert es. Bislang haben alle Lernenden auf diese Weise einen persönliches Zugang zu einem vorgebenenen Thema oder sogar ein ganz frei gewähltes Thema, das für sie persönlich bedeutsam war, gefunden. Das Vorgehen hat sich bei mir aus der Betreuung der ersten Facharbeiten und Beiträgen für den Geschichtswettbewerb ergeben. Mittlerweile gehe ich so auch in den offenen Phasen des regulären Unterrichts so vor.

Hinzu treten je nach Schülerin/Schüler Ermutigungen, sich darauf einzulassen, und zu überlegen, welcher Aspekt für einen selbst interessant sein könnte. Gleichzeitig berate ich die Lernenden von Anfang an, ob das gewählte Thema im Rahmen der zur Verfügung stehenden Zeit zu bewältigen ist und auch, ob Informationen dazu (soweit überschaubar) im Rahmen der vorhandenen Kompetenzen in ausreichendem Umfang und in entsprechender Zugänglichkeit verfügbar sind. Darüber hinaus gebe ich konkrete Hilfestellungen, um ein gewähltes Thema ggf. etwas enger oder weiter zu fassen, damit es bearbeitbar wird.

2. Erstellen komplexer Lernprodukte:

Wählen die Schülerinnen und Schüler auch das zu erstellende Lernprodukt selbst, so ist die Transparenz wichtig, was die Qualität dieses speziellen Lernprodukts ausmacht. Ist dies nicht schon Thema im Unterricht gewesen, überlege ich mit den einzelnen Lernenden oder der Gruppe gemeinsam, was Kriterien zur Bestimmung des jeweiligen Produkts, z.B. eines Vortrags, einer Unterrichtsstunde oder einen Blogbeitrags, sind.

Zudem berate ich die Lernenden hinsichtlich die Umsetzbarkeit. So sind zum Erstellen eines Videos andere technische Voraussetzungen , ein anderer Zeitansatz und andere Fertigkeiten notwendig als zum Verfassen einer dreiseitigen Ausarbeitung oder der Vorbereitung eines Vortrags. In Gesprächen mit den einzelnen Lernenden oder gemeinsam arbeitenden Gruppen werden die Voraussetzungen geklärt und gemeinsam überlegt, welche Form und welches Produkt zur gewählten Fragestellung bzw. dem jeweiligen Thema passt und umsetzbar ist. Meine Aufgabe sehe ich dabei vor allem darin, die Schülerinnen und Schüler bei ihren Vorhaben zu unterstützen, dass sie ihre Ideen umsetzen können, dafür über die ggf. notwendige Technik verfügen bzw. diese zur Verfügung gestellt bekomme, dass sie die notwendigen Kompetenzen erwerben oder erweitern (durch Ausprobieren, Peer Learning oder auch Anleitung durch mich) und ihr Projekt im vorgegebenen Rahmen realisierbar bleibt.

 

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Diskussionen

10 Gedanken zu “Unterricht personalisieren – oder die Frage nach dem „Warum“

  1. Vielen, vielen Dank, lieber Daniel, das finde ich großartig!
    Im Rahmen des Projektes war ja bei mir das Fragezeichen immer deutlicher geworden, was den zeitlichen und methodischen Mittelpunkt angeht, also die mittlere Arbeitsphase. Bei Dir ist das Phase 3. In meinen verlinkten Überlegungen habe ich ja nur drei Phasen genannt: Eingabe, Verarbeitung, Ausgabe (EVA), da wäre es die Phase V. Da habe ich den Verdacht, dass das in den bisherigen Überlegungen im Vergleich zum E und A zu kurz kommt. Obwohl ja hier der Kern, das „Eigentliche“ stattfindet.
    Du hast Dich jetzt dem für mich schon deutlich genähert. Interessanterweise von vorne und von hinten, also ausgehend von der Schritt 2 und von Schritt 4 Deiner Systematik in Richtung 3 gehend.
    Woran liegt es wohl, Schritt 3 nie Ausgangs- oder Mittelpunkt ist?

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    Verfasst von Jöran | 3. Dezember 2015, 21:44
    • Vielen Dank dir für die anregende Frage und deinen Kommentar! Deine Frage arbeitet noch, der Blogbeitrag war – klar – zunächst eine erste Annäherung, aber noch nicht das Ende. Das Lehrerhandeln darf keine Black Box sein, sondern muss beschrieben werden können, auch um Regelhaftigkeiten zu entdecken, Wiederholung zu ermöglichen und das Funktionieren zu erklären.

      Was deine Nachfrage zu Punkt 3 (Recherche / Erarbeitung) angeht, habe ich eine Vermutung: Ausgehend von meinen Erfahrungen würde ich sagen, dass dies in den offenen Phasen eine geringere Rolle in der Betreuung und Begleitung der Lernenden spielt, weil hier auf bereits vorher im Fach oder in anderen Fächern sowie außerhalb der Schule erworbenen und trainierten Fertigkeiten und Fähigkeiten zurückgegriffen wird. Erlernt werde diese also in anderen Zusammenhängen, hier werden sie angewendet und damit geübt und ggf. vertieft oder erweitert.

      Für mich kann ich sagen, dass ich hier tatsächlich nur da unterstütze, wo es notwendig ist: Wo also Lernende mit einer Frage oder einem Problem zu mir kommen oder ich beobachte, dass sie an einem Punkt nicht weiterkommen. Die Hilfestellung kann dann von a) einer Erinnerung an bereits besprochene Recherchestrategien oder bekannte alternative Nachschlagewerke über b) das Aufzeigen neuer Suchwege bis hin zum c) Anleiten und Vormachen oder d) der unterstützenden Suche durch mich bzw. sogar – falls nötig – e) der Bereitstellung geeigneter Materialien gehen.

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      Verfasst von 9Daniel Bernsen | 3. Dezember 2015, 22:47
    • Eine Einteilung in drei Phasen halte ich für zu mechanisch und linear gedacht. Im Grunde ist funktionierendes Lernen immer Spirale, die diese Phasen – ich würde lieber sagen modi – vielfach durchlaufen muss: Interiorisieren, Exteriorisieren und Dialog. Das muss aber für Lernen in Gruppen (nicht Netzen) moderiert werden. Genau dazu ist der Lehrer da.

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      Verfasst von Lisa Rosa | 4. Dezember 2015, 13:15
    • Ich erlebe Settings, bei denen ich von 3. ausgehe, oft so, dass viele Schülerinnen und Schüler vor Entscheidungen stehen, die sie lähmen. Die Vorgabe eines Themas erleichtert den Zugang – auch wenn der Prozess von 3. oft sinnvoller wäre.

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      Verfasst von Philippe Wampfler | 4. Dezember 2015, 20:59
  2. Toll, dass so ein Thema hier diskutiert wird, und die Vorlage dazu finde ich auch sehr gut!
    Mir wäre noch wichtig, dass die Personalisierung des komplexen Lerngegenstands nicht so sehr als gewählter „Schwerpunkt“ verstanden wird – das folgt einer sachlogischen Systematik -, sondern als selbstgestellte Frage, die der/die Lernende dann mit einem selbstbeauftragten Arbeitsprogramm bearbeitet. Letzteres folgt einer Problemorientierung und – nicht so sehr dem, was man unter „Auswahl von persönlichem Interesse“ versteht, sondern eben eher dem, was den Einzelnen als persönliche Sache sozusagen „umtreibt“, was ihm als Frage/Problem „auf der Seele liegt“.
    Ich denke, dass in der Sprache hier tatsächlich unterschiedliches Verständnis und Herangehensweise verborgen liegt.

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    Verfasst von Lisa Rosa | 4. Dezember 2015, 13:20
    • Danke für deinen Kommentar. Grundsätzlich würde ich dir da zustimmen. Sprachlich ist mein Artikel eher nachlässig bis schlampig formuliert, weil ich auf diese – zu Recht angemerkten – Unterschiede nicht geachtet habe. Sicherlich der Einpassung von Personalisierung in die bestehende Schulstruktur geschuldet, denke ich, dass es in der Praxis von an Lehrplänen orientiertem Unterricht im 45 Minutenrhythmus nicht immer möglich ist, wirklich zu persönlichen Anliegen vorzudringen. Um das an einem konkreten Beispiel zu machen: Für eine/n Schüler/in der 8. Klasse gibt es vermutlich wenig, was ihn oder sie am „Absolutismus“ wirktlich „umtreibt“.
      Personalisierung benötigt daher eigentlich andere Strukturen als Schulen sie von Ausnahmen abgesehen normalerweise bieten. Nichtsdestotrotz würde ich dafür plädieren, nicht nur zu klagen und grundlegende Reformen einzufordern, sondern im Bestehenden auch kleinere Veränderungen anzugehen und Annäherung vorzunehmen , die im Rahmen der eigenen Entscheidungsspielräume liegen, auch wenn die – so zumindest mein Eindruck bislang – Personalisierung nicht voll umgesetzt werden kann. Und dann ist es vielleicht eben doch nur eine Schwerpunktbildung innerhalb eines vorgegebenen Themas.

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      Verfasst von Daniel Bernsen | 4. Dezember 2015, 13:51
      • Hm, ich habe weder geklagt, noch grundlegende Reformen gefordert, bevor … 😉
        Worauf ich insistiere ist das eigene Fragen. Wenn das nicht möglich wäre, dann sollte man im Schweinsgalopp durch diesen wg Curriculum unverzichtbaren Gegenstand durchrennen. Aber wer sagt, dass eigene Fragen eines 8.Klässlers am Gegenstand Absolutismus nicht erwartbar? Oft ist diese – sorry- blöde verkürzte, oberflächliche Vorstellung, was die „Lebenswelt“ eines 12-jährigen sei, schon die erste Verhinderung. Schon kleine Kinder können philosophische Fragen stellen, und hat nicht grad der pubertierende 8.klässler die größten Probleme mit seinem absolutistisch herrschenden Vater?
        Oit of the box denken geht auch in der alltags Schulrealität. Und wenn die SuS keine Fragen haben, dann habe ich schon öfter das Thema in der Sek I fallen lassen.

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        Verfasst von Lisa Rosa | 4. Dezember 2015, 14:05
      • Nein, du hast nicht geklagt. Das tun andere. Den Diskurs über: Schule muss sich erstmal ändern, sonst geht nichts anders, kennst du auch. Du kommst ja auch schnell zum Kern: Inwieweit sind die Vorgaben und Zwänge, wie u.a. der Lehrplan, bindend oder können so weit ausgelegt werden, dass auch verpflichtend gesetzte Themen einfach ausgelassen werden. Deine Antwort kenne ich. Ich sehe das ein wenig schwieriger – das hat auch etwas mit der Zusammenarbeit und Vereinbarung, Stichwort: Arbeitspläne, mit den Kolleginnen und Kollegen zu tun.
        Es ist übrigens weder eine „blöde verkürzte“ noch eine „oberflächliche Vorstellung“. Natürlich können Kinder und Jugendliche selbst Fragen stellen und formulieren. Die Herstellung des persönlichen Zusammenhangs, um bei dem von dir aufgenommenen Beispiel zu bleiben, setzt aber schon Kenntnis, Verständnis von Absolutismus sowie dessen Transfer voraus und ist Ergebnis der Auseinandersetzung und nicht deren Ausgangspunkt. Mein Punkt ist schlicht: Wenn ich Vorgaben und Vereinbarungen im Rahmen meiner Schule einhalten will (wofür es verschiedene, gute und weniger gute, Gründe geben kann), sind Kompromisse nötig, dann dominiert die vorgegebene Sachlogik (die sich in der Tat auch in der Sprache widerspiegelt) und es ist dann oft eben doch „nur“ eine Schwerpunktsetzung. Das kann man kritisieren. Ich würde sagen: Trotzdem machen, das ist gut und auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung.

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        Verfasst von Daniel Bernsen | 4. Dezember 2015, 14:17
      • Du musst dich nicht verteidigen. Aber ich finde schon, dass mehr geht. Ich habs ja selbst gemacht und immer wieder mit meinem Kollegen Max v R. Geht doch!

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        Verfasst von Lisa Rosa | 4. Dezember 2015, 14:23

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