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Erfahrungen, Lernen, Schule

Mit digitalen Medien anders lernen – mein Beitrag zur Blogparade

Hier kommt mein allererster Beitrag zu einer Blogparade. Wie im vorangehenden Beitrag schon kurz skizziert, finde ich die Frage nach einem „besseren“ Lernen nicht so gut geeignet und ändere deshalb die Fragestellung leicht ab. An einigen kurzen Anekdoten aus den vergangenen Jahren möchte ich beispielhaft aufzeigen, wie sich Lernen und die Rolle der Lernenden und Lehrenden durch die Digitalisierung verändert.

Es sind einzelne Momentaufnahmen, die mich aber nachhaltig beeindruckt und mein Verständnis von Lernen und Schule unter den Bedingungen der Digitalisierung geprägt haben. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass vor allem die Rolle der Lernenden gestärkt wird. Natürlich bin ich nicht der einzige, der das beobachtet. Einige sprechen von (Selbst-) Ermächtigung (empowerment) der Lernenden, was mir vom Begriff Welcome-Back-to-school-1her als Historiker nicht gefällt, aber dennoch den Kern des Wandels zum Ausdruck bringt.

Die Verschiebung vom Lehren zum Lernen, vom Stoff zum Lernenden markiert den shift, die grundlegende Transformation, die durch die Digitalisierung in das Bildungssystem drängt und dieses bereits verändert. Und zwar unabhängig davon, ob die einzelne Lehrkraft oder Schule das will oder nicht, sie dies fördert oder untersagt. Das ist für mich eine der zentralen Erkenntnisse aus den folgenden Erlebnissen:

  • Bei einem vorbereitenden Besuch für ein Comenius-Projekt in einer zentralanatolischen Stadt in der Türkei hatte ich ein längeres Gespräch mit einem Oberstufenschüler. Er erklärte mir, dass ihm der Geschichts- und Religionsunterricht ideologisch erscheine. Das, was die Lehrer erzählten und was in den Schulbüchern stehe, prüfe er immer noch einmal mit eigenen Recherchen im Internet, um sich eine eigene unabhängige Meinung zu bilden. Trotzdem lernt er das im Unterricht Dargebotene auswendig und erzielt exzellente Noten in Tests und Klausuren, weil diese Zulassungsvoraussetzung für eine gute Universität später sind. Lehrer und Schulbuch haben ihre Deutungshoheit verloren. Die Schule hat übrigens nicht einmal eine Schulbibliothek
  • Eine Schülerin der Oberstufe meinte im Gespräch vor zwei Jahren, dass sie auch ein Smartphone wolle. Die anderen Schülerinnen und Schüler würden im Unterricht unter den Tischen die Antworten auf die Unterrichtsfragen googeln und dann gute Noten in der Mitarbeit erhalten. Die Lehrkräfte bemerkten das offensichtlich nicht. Das sei ungerecht! Übrigens galt an der Schule ein allgemeines Handyverbot.
  • Vor einigen Jahren schrieben mehrere Schülerinnen und Schüler ziemlich einen weitgehend wortgleichen Text zu einer Reproduktionsaufgabe in einer Geschichtsklausur. Dass sie direkt voneinander abgeschrieben hatten, konnte ich ausschließen. Auf Rückfrage erklärten sie mir, dass sie mögliche Fragen gemeinsam überlegt und in einer Facebook-Gruppe kollaborativ Antworten vorbereitet und auswendig gelernt hätten.
  • Schülerinnen und Schüler organisieren ihre Lern- und Arbeitsprozesse selbstständig und kollaborativ in Social Media Gruppen als Klassenverbände oder parallel zu ihren Oberstufenkursen. Dort werden Fragen gestellt, Organisatorisches geklärt, Hausaufgaben gemacht bzw. miteinander geteilt, Klassenarbeiten und Klausuren vorbereitet. Die Lehrkräfte bleiben außen vor und viele wissen vermutlich nicht einmal um diese Parallelstrukturen. Daraus ergeben sich aber Fragen nach dem Sinn z.B. von Hausaufgaben und von Aufgabenformaten.
  • Mehrere Schüler einer 5. Klasse erzählen mir bei der Vorbereitung des Medienprojekttags, dass sie eigene YouTube-Kanäle mit mehreren hundert Abonnenten haben, wo sie selbst gemachte Let’s Plays und Videoanimationen veröffentlichen. Ein der Schüler stellt beim Elternabend seine Kanäle vor. Anwesende Eltern und Lehrkräfte staunen, was für professionell gestaltete Videos dort zu sehen sind. Gelernt hat der Schüler das als Autodidakt, vor allem durch Erklärfilme auf YouTube.
  • Am Ende des Arbeitsteils am Medienprojekttag kommt ein Schüler der 5. Klasse zu mir und meint, dass er das mit dem Urherberrecht noch nicht ganz verstanden habe. Ich versuche nochmal ein paar wesentliche Punkte zusammenzufassen und weise auch kurz auf die Existenz von Creative Commons hin. Am Abend präsentiert der Schüler einen Überblick über die Creative Commons, den er sich am Nachmittag mit Internetseiten und Online-Videos angeeignet hat.
  • Bei der Organisation von Schüleraustauschen habe ich immer versucht, vor der Begegnung einen Kontakt zwischen allen Schülerinnen und Schülern mit ihren Austauschpartnern herzustellen – erst per Brief, dann über Mails, zuletzt mit einem Gruppenraum in einer Lernplattform. Nichts davon hat wirklich gut geklappt, es gab immer einige Lernende, die vorab keinen Kontakt hatten. Heute gebe ich zwar die Kontaktdaten weiter, kümmere mich dann nur noch bei Problemen um die Kontaktaufnahme. Die Lernenden gründen selbstständig eine Austauschgruppe, fügen sich nach und nach gegenseitig hinzu, lernen sich vorab kennen und nutzen die Kontakte auch über die Austauschwoche hinaus. Einige haben im Vorfeld der Begegnung bereits über Wochen regelmäßig mit ihren Austauschpartnern auf Deutsch und Französisch geskypt. Mit dem direkten Draht ins Partnerland sind sie manchmal sogar schneller informiert gewesen als die über Mail und Telefon kommunizierenden Lehrkräfte.
  • Einer Gruppe von Schüler, die am dem Geschichtswettbewerb 2008 teilnehmen wollten, teile ich während ihrer Arbeit mit, dass es zu ihrem Thema auch noch keinen Wikipedia-Eintrag gebe. Mein Vorschlag: Das wäre doch schön, auch zum Einreichen beim Wettbewerb, so einen Eintrag als Teilergebnis zu erstellen. Ich frage, ob sie wissen, wie so was geht und gegebenenfalls Hilfestellung meinerseits bräuchten. Die Antwort war: Kein Problem sie würden schon länger in der Wikipedia mitarbeiten, vor allem zu lokalen Themen. Daraufhin habe ich mir damals übrigens einen Account in der Wikipedia zulegt. Der Wikipedia-Eintrag ist übrigens entstanden, im Wettbewerb eingereicht wurde die Arbeit letztendlich (leider) nicht. Es war für die Schüler trotzdem eine gute Erfahrung: Durch die Veröffentlichung in der Wikipedia erhielten sie etwas später aus den USA einen Quellenscan von einem Nachkommen, der historischen Person mit der sich beschäftigt hatten. Die Quelle bestätigte eine ihrer Hypothesen, die sie vorher nicht hatten belegen können.
  • Im Leistungkurs Französisch der Jahrgangsstufe trägt eine Schülerin ihre Hausaufgaben vor. Ich korrigieren einen Grammatikfehler. Die Schülerin fährt mich erbost an: Das könne nicht sein, das sei alles richtig. Etwas irritiert erkläre ich den Fehler und bitte um Erklärung, warum sie ihrer Sache so sicher sei. Es stellt sich heraus, dass sie mit einer französischen Schülerin seit über einem Jahr regelmäßig ihre Hausaufgaben online austauschte und sie sich diese gegenseitig korrigierten. Kennengelernt hatten die beiden sich übrigens in einem kurzen Onlineprojekt zu Jugendkulturen in Deutschland und Frankreich, das wir zu Beginn der Oberstufe am Anfang der Jahrgangsstufe 11 über eine Lernplattform durchgeführt hatten.
  • Noch im Referendariat habe ich die Wikipedia kennengelernt. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das irgendwie etwas Sinnvolles sein könnte. Das konnte ja gar nicht funktionieren, wenn jede/r da frei etwas verändern kann, dann machen die meisten nur Quatsch und am Ende sind die meisten Artikelseiten nicht brauchbar. Um das nachzuweisen habe ich damals dann kurz einen Artikel zum „1. Weltkrieg“ teilweise umgeschrieben zum „Krieg der Sterne“ mit Darth Vader und Todesstern usw. Innerhalb von weniger als 30 Minuten, noch während ich am Rechner saß, war der Fehler behoben und der vorangehende Zustand wieder hergestellt. Ich war beeindruckt.
  • Bereits 2002 habe ich mit einem älteren Kollegen, der nur noch wenige Jahre bis zu seiner Pensionierung hatte, in seinem Leistungskurs 11, in dem ich hospitierte, ein Experiment angestellt. Ich stellte ein paar Fragen zu Augustus zusammen (Ergänzung: gerade auf meiner Festplatte geschaut, die „Rallye“ habe ich sogar noch, wer mag: hier zum Download). Reine Faktenabfrage. Wir haben den Kurs nach dem Zufallsprinzip in zwei Hälften geteilt. Beide Gruppen hatten gleich viel Zeit, der eine Teil sollte in der Bibliothek, der andere „im Internet“ nachschauen. Letzteres geübt noch angeleitet. Wir haben sie einfach mit dem Fragebogen in den Computerraum gesetzt. Der Kollege konnte sich gar nicht vorstellen, dass die Schüler irgendwie über das Internet sinnvolle Informationen zusammentragen könnten. Bei der Auswertung zeigte sich dann, dass keine der beiden Gruppen alle Aufgaben richtig oder vollständig gelöst hatte, insgesamt besser abgeschnitten hatte allerdings die Internetgruppe.

Und das war 2002! Für alle diejenigen, die sich nicht mehr oder noch nicht erinnern, habe ich mal rausgesucht, wie die Wikipedia-Seite zu dem Zeitpunkt der Geschichtsrallye aussah:

Wikipedia Augustus 2002

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Diskussionen

2 Gedanken zu “Mit digitalen Medien anders lernen – mein Beitrag zur Blogparade

  1. Eine sehr eindrucksvolle Zusammenstellung! Man merkt, dass die Zeit nicht stehen geblieben ist, seit ich nicht mehr unterrichte.

    Gefällt 1 Person

    Verfasst von apanat | 12. Juni 2015, 17:24

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  1. Pingback: Blogparade „Mit digitalen Medien besser lernen?“ Ja, aber… - 29. Juni 2015

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