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Meinung

Smartphones in der Schule = kranke Kommunikation?

Klar! Wer herausfindet, dass Smartphones den schulischen Leistungen schaden, der schlägt mediale Wellen. „Handy-Verbot macht die Schüler besser“ – eine klasse Schlagzeile! Endlich ist es wissenschaftlich belegt. Gewusst haben wir das ja schon immer.

Nun ja… die Studie mit dem Titel „Ill communication: Technology, 1428425476Distraction & Student
Performance“ zweier Forscher der London School of Economics ist online als PDF abrufbar. Als einer der ersten hatte der Guardian über die Studie berichtet. Zusammenfassungen finden sich mittlerweile auch auf Deutsch in den Berichten z.B. der Berliner Morgenpost, bei heise.de oder dem kritischen Beitrag von Herrn Larbig.

Es lohnt sich in der Tat genau hinzuschauen, was in dieser Studie untersucht wurde, um zu sehen, welche Aussagekraft sie besitzt. So wurden in mehreren englischen Schulen Testergebnisse von Schülern verglichen vor und nach einem generellen Handyverbot.

Berücksichtigt wurde also nicht das Lernen mit digitalen Endgeräten, sondern es wurden nur Testleistungen verglichen, bei denen vorher im Unterricht „Handys“ erlaubt waren und hinterher nicht. Die Wissenschaftler schreiben von „unstructured presence“. Die Studie belegt also keineswegs, dass digitale Endgeräte schlecht für das Lernen sind, sondern nur dass sie ein Ablenkungspotential haben, wenn man sie angeschaltet bei sich trägt.

Ob und wie man mit diesen Geräten gut lernen kann, gerade auch dann, wenn die Nutzung zum Lernen und Arbeiten explizit thematisiert, angeleitet und eingeübt wird, darüber verrät die Studie nichts. Sie gibt vielmehr einen Hinweis darauf, dass dies notwendig ist. Sie taugt daher z.B. nicht als Argument gegen BYOD-Projekte an Schulen, in denen genau dieses Lernen an, mit, über und in Medien passiert.

Selbstverständlich hat die Feststellung ihre Berechtigung, dass für die gegenwärtige Prüfungen die Anwesenheit multifunktionaler Endgeräte einen so hohen Ablenkungsfaktor besitzen, dass viele Schülerinnen und Schüler schlechtere Ergebnisse erzielen können, gerade bereits benachteiligte Lernende. Die Folgerung, dass deshalb ein Verbot in Schulen eine gute Lösung sei, ist aber keineswegs zwingend.

Man könnte ebenso gut argumentieren, dass die Schülerinnen und Schüler lernen müssen mit ihren Geräten verantwortungsvoll und selbstbestimmt umzugehen, die verschiedenen Funktionen und Möglichkeiten, die ja vielmehr umfassen als „Kommunikation“, situationsadäquat zu nutzen. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist auch Aufgabe der Schule diese Lernprozesse zu ermöglichen und zu unterstützen. Ein „Handyverbot“ verhindert dies.

Werden nun aber digitale Endgeräte und damit das Netz in der Schule zugelassen und zum Lernen genutzt, können dann sinnvollerweise die Prüfungen noch so aussehen wie zuvor? Messen die Tests Wissen und Kompetenzen des Lernens unter den Bedingungen der Digitalität oder sind sie nicht vielmehr gebunden an analoge Formen des Arbeitens, Denkens und Lernens? Anders als es die Prämissen der Studie suggerieren, geht es nicht darum, mit „neuen Medien“ alte Ziele schlechter oder besser zu erreichen. Daher scheint mir die Frage der Studie falsch gestellt. Aber man muss nur die falsche Frage stellen, um die gewünschte Antwort zu bekommen.

Es gilt vielmehr die gegenwärtigen Veränderungen als grundlegenden Transformationsprozess zu begreifen. Die ersten Universitäten verbieten das Tragen von Uhren in Prüfungen. Konsequenterweise müsste dem Uhren- bald ein Brillenverbot sowie gegebenenfalls das Verbot weiterer Kleidungsstücke und anderer Accessoires folgen. Spätestens dann wird das Verbot endgültig zu einem absurden Kampf gegen Windmühlen.

Wie wäre es hingegen, die Internetnutzung in Prüfungen zuzulassen? Es sind Prüfungsformate am Ende einer Unterrichtseinheit, eines Projekts, eines Jahres oder einer Schulform, die das Lehren und Lernen wesentlich bestimmen. Gerade Schule ist in hohem Maß teaching/learning to the test. Die Vorgaben für die Prüfungen bestimmen das Geschehen im Klassenzimmer viel stärker als Lehrpläne, Lehrerausbildung, Unterrichtsmaterialien oder Fortbildungen. Erst eine Anpassung der Prüfungsvorgaben an die Bedingungen des Lebens, Arbeitens und Lernens in einer digitalen Welt wird zu einer grundlegenden Transformation von Schule und Hochschule führen.

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