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Bildungspolitik, Diskussion

Wer Innovationen umsetzen will, darf nicht am Rad drehen.

overworkedKompetenzorientierung? Inklusion? Digitalisierung? Eine Herausforderung nach der anderen stellt sich der Schule, aber die Innovationen kommen nicht an. Schule als System, das sich selbst perpetuiert, aber nicht verändert. Die Liste der Klagen darüber ist lang; in letzter Zeit zunehmend auch medial breit getreten.

Zentral ist die Frage nach dem Warum. In seinem hörenswerten Vortrag auf der re:publica bietet Gunter Dueck zusätzlich zu sicherlich vorhandenen ideologischen Vorbehalten einen weiteren, und wie mir scheint, ebenso einleuchtenden wie zentralen Erklärungsansatz: Veränderungen brauchen Ressourcen, vor allem Zeit. Wer sich wie im Hamsterrad fühlt und dort seine Runden dreht, mit seinem vermeintlichen „Kerngeschäft“ voll ausgelastet ist, dem fehlen Kraft und Zeit für Veränderungen.

Das Video lohnt sich in Gänze, der Kern der Aussage findet sich aber auch prägnant gefasst ab Minute 23:

… und dann kommt einer und sagt: Lass uns doch jetzt mal  [x] machen… Dueck spricht von Unternehmen, aber was er sagt, lässt sich eins zu eins auf Schule übertragen: Es mangelt nicht an Vorgaben, Materialien, Konzepten und Ideen (siehe dazu auch sehr schön passend den von Beat Döbeli Honegger im Vortrag vorgestellten automatisierten Medienkonzeptgenerator). Es mangelt an Zeit.

Die Deputate der Lehrkräfte wurden bereits oder werden noch erhöht. Die Arbeit ist komplexer geworden. Zahlreiche Aufgaben sind im Berufsalltag hinzukommen. Lehrkräfte arbeiten ständig unter Hochdruck. Um es mit den Worten von Dueck zu sagen: Lehrkräften wird ein Maximum abgefordert. Die Warteschlange der zu erledigenden Aufgaben lässt kaum langfristiges oder nachhaltiges Arbeiten zu. Es kommt zu einem Gefühl der permanenten Überforderung. Alles Neue wird als zusätzliche Belastung und damit potentiell als Bedrohung empfunden. Dies führt zu bekannten Abwehrreaktionen, wie sie jede/r vermutlich schon einmal in einem Kollegium gehört hat.

Natürlich gibt es einzelne Lehrkräfte, die aus verschiedenen Gründen Veränderungen aktiv gestalten. Sie nutzen die vorhandenen Spielräume, die der einzelnen Lehrkraft vor allem im eigenen Unterricht zur Verfügung stehen. Oft bleiben sie an ihrer Schule jedoch Exoten und Einzelkämpfer.* Wobei auch einige Schulen schaffen es. Allerdings bleiben sie die Ausnahme und werden nicht zur Regel. Die Überlastung liegt im System.

Es dürfte unstrittig sein, dass Schule zahlreiche Herausforderungen zu bewältigen hat. Für Veränderungen und die Umsetzung von Innovationen braucht der Einzelne Zeit. Ist diese Überlegung richtig, erklärt sich damit wesentlich, warum zahlreiche, große, gut begründete und durchdachte Initiativen weitestgehend gescheitert sind, warum eine Reform nach der anderen im System versandet ist. Daraus folgt, dass politisch nicht mehr vorrangig Austattungsinitiativen, Fortbildungen oder Materialpools gefordert werden müssen, sondern zunächst die Bereitstellung von mehr Zeitressourcen für Schulen. Das ist teuer, aber für die Gestaltung guter Bildung unabdingbar.

*Zum Glück bleiben sie aber nicht allein, da gerade soziale Netzwerke für die Einzelnen institutionsübergreifend wichtige Funktionen von professionellem Austausch, Vernetzung und Rückmeldung erfüllen, so z.B. jeden Dienstag auf Twitter im #edchatde. Wie viele engagierte Pioniere digitaler Bildung an ihrer Schule wohl schon aufgegeben hätten, wenn sie nicht außerhalb ihrer Institution einen Resonanzraum gefunden hätten?

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