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Bildungspolitik, Diskussion

Bildung im digitalen Zeitalter sozial und demokratisch gestalten

Bereits im Gothaer Programm von 1875 stehen die Forderungen:

  • Allgemeine und gleiche Volkserziehung durch den Staat.
  • Allgemeine Schulpflicht.
  • Unentgeltlicher Unterricht in allen Bildungsanstalten.

Damit sind die bis heute wesentlich gültigen Grundpositionen der Sozialdemokratie in Sachen Bildung ebenso klar wie einfach benannt. Sozialdemokratische Bildungspolitik orientiert sich an den Grundwerten von Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Es geht also um die Herstellung von Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit durch politisches Handeln. Bildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten müssen im Verständnis der Sozialdemokratie unabhängig vom Elternhaus sein. Daraus folgt die Forderung nach kostenlosem Zugang zu Bildungsinstitutionen und -ressourcen für alle und damit einer Demokratisierung von Bildung.

Zusammengefasst versteht die Sozialdemokratie Bildung als Schlüssel für

  • die Verbesserung der eigenen Lebensbedingungen,
  • die gesellschaftliche, politische und kulturelle Partizipation jedes und jeder einzelnen,
  • individuelle Freiheit und
  • den Zusammenhalt der Gesellschaft.

Die Digitalisierung verändert unsere Welt in grundlegender Weise. Davon ist auch das Bildungssystem betroffen. Ausgangspunkt der Überlegungen für die zukünftige Gestaltung von Schule und Bildung dürfen aber nicht technische Neuerungen oder wirtschaftliche Anforderungen sein, sondern müssen an Menschenbild und Bildungsverständnis ansetzen.

Daher soll in der Folge aufgezeigt werden, welche Bedeutung die sozialdemokratischen Grundpositionen für die Bildung unter den Bedingungen der Digitalisierung haben und wie auf dieser Grundlage eine sozialdemokratische Bildungspolitik für das digitale Zeitalter aussehen könnte.

Ziel sozialdemokratischer Bildungspolitik muss auch in Zeiten der Digitalisierung Bildungsgerechtigkeit sein. Laut einer Studie verfügen fast 30 Prozent der Jugendlichen über geringe digitale Kompetenzen. Diese Schülerinnen und Schüler riskieren damit im Hinblick auf die spätere Arbeitssuche und die selbstbestimmte Bewältigung ihres Alltags als Erwachsene abgehängt zu werden. In dieser Gruppe finden sich überproportional viele Jungen, Jugendliche mit Migrationshintergrund und aus sozial schwachen Familien. Digitale Bildungsgerechtigkeit als Aufgabe sozialdemokratischer Politik schafft es durch entsprechende Rahmenmaßnahmen, allen Kindern und Jugendlichen die gleichen Chancen auf Partizipation, Arbeit und gute Lebensbedingungen zu gewähren. Der kompetente Umgang mit digitalen Medien ist hierfür zukünftig ein zentraler Schlüssel als weitere grundlegende Kulturtechnik.

Notwendige Voraussetzung zum Ausgleich der bestehenden Benachteiligungen ist die Sicherstellung einer 1:1-Ausstattung aller Kinder und Jugendlichen spätestens der weiterführenden Schulen mit einem mobilen digitalen Endgerät wie einem Smartphone oder Tablet. Mobile digitale Endgeräte übernehmen heute die Funktion als zentrale Lernwerkzeuge, Kulturzugangs- und -partizipationsgeräte. Es ist nicht ausreichend zu diesen nur in der jeweiligen Bildungsinstitution Zugang zu haben. Dies wäre genauso wenig sinnvoll wie die Verfügbarkeit von Schulheften, Stiften und Büchern ausschließlich während der Unterrichtszeit in der Schule. Bildung für alle heißt in Zeiten der Digitalisierung ein gleicher Zugang zum Netz für alle.

Ein gleicher Zugang zum Netz für alle als Voraussetzung für digitale Bildungsgerechtigkeit bedeutet darüber hinaus die Forderung nach Netzneutralität. Der Mündigkeit und gesellschaftlichen Partizipation als Zielen von Bildung widerspricht die Überwachung von Medien. Daraus muss eine Ablehnung von  Überwachungsmaßnahmen wie der Vorratsdatenspeicherung folgen, um die Grundrechte des Einzelnen sowie die freie und gleiche Nutzung des Internets für alle zu sichern.

Die Chance zu selbstständiger Teilhabe an Kultur, Politik und Gesellschaft verlangt einen individuellen Zugang. Daraus folgt notwendigerweise eine 1:1-Ausstattung mit eigenen Geräten. Chancengleichheit herzustellen bedeutet allen den mobilen Internetzugang mit eigenen Geräten zu ermöglichen. Alle SchülerInnen weiterführender Schulen müssen die Möglichkeit haben, jederzeit von überall auf das Internet zuzugreifen. Persönliche mobile Endgeräte sind zum Lernen und Arbeiten für alle Lernenden heute ebenso notwendig wie bisher Schreibhefte, Stifte und Schulbücher. Daraus folgt, dass das Ziel nicht mehr flächendeckende Ausstattung von Schulen nach dem Gießkannenprinzip sein kann, sondern stattdessen eine Förderung von Infrastrukturen erfolgt, die das Nutzen eigener digitaler Endgeräte zum Arbeiten und Lernen in der Schule (BYOD = Bring Your Own Device) ebenso wie zu Hause ermöglichen. Die Schulen benötigen eine ausreichende Finanzierung für die Einrichtung dieser Infrastruktur sowie deren Sicherung und Pflege durch professionelle Techniker. Finanzschwache Familien benötigen Unterstützung bei der Anschaffung eines eigenen Geräts für jedes Kind, vergleichbar der Hilfe bei der Finanzierung von Klassenfahrten oder Schulbüchern.

Die Digitalisierung erfordert das Erlernen anderer Inhalte und Kompetenzen in der Schule. Dabei sind Medienkompetenz und Informatik voneinander zu trennen. Medienkompetenz im Sinne von Medienkunde, -kritik, -nutzung und -gestaltung ist eine fächerübergreifende Querschnittsaufgabe schulischer Bildung. Sie gehört in den jeweiligen rechtlichen Rahmen für die Unterrichtsgestaltung verankert und muss ergänzt werden um veränderte Prüfungsvorgaben und -formate, die die Arbeit mit digitalen Medien erfordern. Lehrkräfte und Schulen müssen in die Lage versetzt werden durch geeignete, differenzierte Angebote alle Schülerinnen und Schülern beim Erwerb dieser Kernkompetenzen für die digitale Lebens- und Arbeitswelt zu unterstützen.

Informatisch-technische Grundkenntnisse sind darüber hinaus zur aktiven und kritischen Partizipation als BürgerIn in einer durch die Digitalisierung sich ständig verändernden Welt notwendig. Dazu gehören u.a. ein Grundverständnis von Algorithmen und automatisierten Vorgängen, Grundlagen von vernetzter Kommunikation, Datensicherheit, ethische Grundsätze der digitalen Welt und Grundzüge mindestens einer Programmiersprache.

Durch Technik können gezielt Barrieren abgebaut und Beeinträchtigungen ausgeglichen werden. Digitale Medien erlauben unterschiedliche, multikodale wie individualisierte Zugänge und Ausdrucksmöglichkeiten und können damit Inklusion im Bildungssystem wesentlich unterstützen. Die gezielte Nutzung digitaler Medien zur Förderung einzelner Schülerinnen und Schüler in ihren Lernprozessen kann damit zu einer wichtigen Hilfe bei der Gewährleistung von Chancengleichheit und der Umsetzung von Inklusion werden.

Die Demokratisierung von Bildung betrifft auch wesentlich die Lehr- und Lernmaterialien. Sozialdemokratische Politik muss ebenso wie den freien Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen durch Open Access im universitären Bereich, die Erstellung, Verbreitung und Nutzung freier Bildungsmaterialien, sogenannter Open Educational Resources (OER), im schulischen und außerschulischen Bereich sowie weiterer offener Lernangebote, wie z.B. MOOCs, fördern. OER bieten die Möglichkeit der eigenen Gestaltung, Bearbeitung, Weiterentwicklung sowie kostenfreien Weitergabe und tragen damit in sich das Potential eine Veränderung des Lernens in den Schulen zu unterstützen. Durch ihre kostenfreie, räumlich und zeitlich uneingeschränkte Verfügbarkeit können OER dazu beitragen, Bildungschancen von Geburts-, Wohnort und Elternhaus zu entkoppeln und soziale Unterschiede bei der Verfügung über Lernressourcen auszugleichen. Um die Chancengleichheit auf diese zu verstärken bedarf es der Befähigung zum selbstständigen und selbstorganisierten Lernen. Auf Deutschland bezogen können OER helfen, infrastrukturelle Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Bereichen auszugleichen, etwa in Bezug auf die Ausstattung und Versorgung mit Bibliotheken, Kinos und anderen Kultureinrichtungen. Nicht zuletzt daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer Versorgung auch ländlicher Regionen mit einer guten Internetanbindung nicht nur als Wirtschafts- sondern auch als Bildungsfaktor.

Zuletzt muss sich der Blick der Sozialdemokratie auch auf die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeit von Lehrkräften richten. Veränderungen umfassen hier u.a. die Bereiche Kommunikation, Organisation des Arbeitsalltags, Auflösung der Trennung von Beruf und Freizeit ebenso wie Veränderungen des Unterrichts. Dem gegenüber stehen zugleich neue Möglichkeiten der Kooperation von Lehrkräften, digitaler Arbeitsorganisation, Unterrichtsvorbereitung und -gestaltung. Diese können Lehrkräfte entlasten, bedingen aber immer auch mehr oder weniger umfangreiche Einarbeitungsphasen, Umstellungsprozesse und Zeit für die institutionelle und professionelle Weiterentwicklung. Diese Punkte gilt es vor der Folie des gegenwärtigen Bildungssystems zu diskutieren, das durch Entwicklungen geprägt ist u.a. hin zu Ökonomisierung, Kompetenzorientierung, quantifizierbaren Leistungsvergleichen, erhöhtem administrativen Aufwand für die einzelne Lehrkraft und die Schulverwaltung insgesamt, effektive Lohnkürzungen durch Arbeitszeiterweiterung und Arbeitsverdichtung, und politisch die Rahmenbedingungen für die Bewältigung dieser Herausforderungen zu schaffen.

Aufgabe der Sozialdemokratie muss es sein, die Veränderungen im Sinne des Fortschrittgedankens sozial und demokratisch zu gestalten, um zu verhindern, dass auf Seiten der Lernenden ein neues, digitales Proletariat entsteht und auf Seiten der Lehrkräfte erkämpfte Arbeitnehmer- und Mitbestimmungsrechte abgebaut werden.

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